Merkel und das Ende der Demokratie

20. Oktober 2013

O Demokratie, wo kommen wir mit dir noch hin,
Wenn solche Leute die Götter zu Gesandten wählen.

Aristophanes, Die Vögel, leicht verändert

Die Nummer Eins. Ein literarischer Mischtext über Fußball.

2. September 2013

Am Anfang war der Brief. Ob er am Samstag, dem vierundzwanzigsten März Zeit habe. Der Ort wäre Mainz, Uhrzeit zweiundzwanzig Uhr fünfzehn, Ende voraussichtlich um zehn vor zwölf. Ein Privatflugzeug werde selbstverständlich bereitgestellt, die Gage betrüge zwanzigtausend Euro, in etwa die Summe, die er im echten Leben in eineinhalb Stunden auch verdienen würde, genügend Kompensation also für einen verlorenen Abend seines überfüllten Lebens.

Zwei Tage später bekam Fernsehmoderator Thomas Schaumschläger ein Fax zur Antwort: Ja, man könne Seinem kommen rechnen, aber bitte keine gemeinen Fragen so kurz vor dem Karriereende. Und bitte, Privates habe in einer Sportsendung nichts verloren. Öffentlichkeit und Wahrheit sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen, da machen Politik und Sport keine Ausnahme. Dies könnte einer der Gründe sein, weshalb sogar Angela Merkel ihren Draht zum Fussball gefunden hat. Gemeinsames verbindet.

Am vierunzwanzigsten öffnete sich die Tür; das grelle Scheinwerferlicht blendete die Nummer Eins. Vor der ersten Stufe, welche durch die Zuschauerränge hinab in das Halbrund des Fernsehstudios führte, blieb er kurz stehen, schwenkte den Kopf nach links, als ob er dort etwas erwarte; ein kleines nicken, dann prüfte er das Publikum der rechten Seite mit einem gequälten Lächeln im Gesicht. Tänzelnd wie ein Boxer stieg er die Stufen herab, er zählte mit, es waren siebenundzwanzig. Herr Schaumschläger kam ihm entgegen, lachend, weil er wusste, dass er mit der Nummer Eins viele Zuschauer erreichen würde; die Quote bei den vierzehnbisneunundvierzigjährigen wäre bestimmt 35%, ach was, mindestens 50%!. Mindestens.

Schaumschläger blickte ins Leere, und wenige Sekunden, bevor die riesigen Pranken der Nummer Eins Schaumschlägers zarte Hände verschlangen und bearbeiteten, als wären diese ein verlebtes Auto in der Schrottpresse. Der Moderator dachte in dem Moment nicht an den Schmerz, sondern eher an seine Belobigung, die er von seinem Chef bekommen würde.

„Herzlich Willkommen“ sagte er langsam, und man merkte, wie er geistig wieder ins Studio zurückkam. Er schaute kurz verloren und die Kamera, eine Sekunde des gedankenleeren Schweigens verging, Schaumschläger begriff, dass er gerade die Realität überholt hatte. Mancher wunderte sich, und auch die Nummer Eins fühlte sich irgendwie befremdet.

„Bitte, setzten sie sich doch“; und mit einer einladenden Handbewegung zeigte er auf einen leeren Barhocker, der die Kulisse für einen Alten Mann nach einem Selbstmord hätte sein können; Schaumschläger würde den Barkeeper spielen und den Alten Mann trösten; vielleicht wäre er auch derjenige, der ihn aus der Bar herauswirft. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass es hier gar nicht um Barhocker und Barkeeper geht, eher um Torhüter, begnadete Ballfänger, fähig zu katzenähnlichen Bewegungen und reaktionsschnellem Handeln. Und vor Schaumschläger stand der Beste seiner Gattung.

Gemeinsam gingen sie zum Ort des Gesprächs; die Nummer Eins setzt sich auf den Art Deco Stuhl, der mit einem hörbaren Knarzen dem Gewicht des Mannes nachgab. Schaumschläger machte es sich gerade auf dem gegenüber liegenden Stuhl bequem, beugt den Kopf nach vorne und begann leise zu sprechen. Er bedankt sich fürs Kommen; einen derart erfolgreichen Sportler zu treffen sei immer etwas ganz besonderes. Und überhaupt, eine ganz besondere Person sei die Nummer Eins. Schaumschläger strotzt nur so vor Erfahrung, in seinem Metier ist er eine ebensolche Koryphäe wie sein Gegenüber in dessen Fachgebiet. Galant beginnt das Interview. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

[Nr.1 lehnt sich zurück, lächelt entspannt und unterstützt sein Gesagtes mit ausladenden Gesten] Es ist gibt kein Geheimnis.Im Gegensatz zu vielen anderen Spielern habe ich einen ruhigen Lebenswandel. Early to bed and early to rise makes a man wealthy, healthy and wise, sagt man in Amerika. Ich sage ihnen, das stimmt. Sie werden mich weder nachts um drei besoffen auf der Straße beim Zerstören fremden Eigentums erleben, noch morgens um sieben sichtlich derangiert und wankenden Schrittes ein paar minderjährige Mädels aus meinem Haus bringend. Außerdem bin ich ein sehr glücklicher Mensch, seit ich nach dem Grundsatz lebe: „Tue gern, was du tun musst.“ Darüber hinaus bin ich in der glücklichen Situation, dass ich gar nichts tun muss. Ich könnte jetzt aufstehen und gehen, einfach weil ich nicht hier sein muss. [Schaumschläger schaut irritiert in Kamera zwei und fährt mit der nächsten Frage fort.]

Wieviel Glück war bei ihrem kometenhaften Aufstieg dabei?

Große Männer erkennen die richtige Gelegenheit durch ihre große Tüchtigkeit. Das ist der Unterschied, beispielsweise zwischen Ihnen und mir.

Wir haben vor ein paar Wochen einen Abwehrspieler mit einem stark bebrusteten, auf den Rücken tätowierten Jesus in der WORT-Zeitung gesehen. Sind sie auch religiös?

[lacht] Ach wissen Sie, manche der Jungs sind einfach beschränkt. Bei dem Großteil der Fußballer merkt man, dass sie nichts in ihre Bildung investiert haben und öfter im Fitnessstudio und in Discotheken herumhängen als in Bibliotheken. [Pause] Aber zu ihrer Frage: Der Mensch hat zwei Beine, manche davon nutzen diese, um einen Ball zielgerichtet zu bewegen. Außerdem hat er zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion…. Nein, ernsthaft. – Religion ist Schwachsinn, und das unabhängig von der Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Ich kann weder sagen, ob es Gott gibt; noch kann ich mir vorstellen, dass es ihn nicht gibt. Also denke ich, Gott ist wahrscheinlich. Das ist fair, denn ob er zu 70% oder nur zu vierzig Prozent wahrscheinlich ist, vermag ich nicht zu sagen. Religion aber ist purer Schwachsinn; eine von Menschen erfundene Einrichtung, die innere Einheit auf Kosten einer äußeren Abgrenzung schafft.

Wie gehen sie mit ihrem Ruhm um?

Ich erinnere mich an eine wundervolle Zeile in einem englischen Poem von Thomas Gray: The paths of glory lead but to the grave. Es bringt mir überhaupt nichts, mich in so etwas wie Ruhm zu sonnen. Ich sorge für meine Frau, meine Kinder, meine Eltern und für ein paar Verwandte. Ich engagiere mich für Arme und für Kranke. In meiner Freizeit schreibe ich metaphysische Sonette und beschäftige mich mit Wirtschaftsphilosophie. Was soll ich bitte mit Ruhm? Glauben sie, dass ich deswegen Sportler geworden bin. Andere vielleicht, ich nicht.

Sie waren lange Zeit die Nummer Eins. Jetzt sind sie nur noch die Nummer Zwei. Was denken sie über ihren Konkurrenten Drehmann?

Er ist ein Heuchler, es tut mir Leid das sagen zu müssen, weil ich ihn ja schon so lange kenne. Vielleicht bin ich auch nur gekränkt: Ich wusste, wie er ist, und ich war immer entzückt, dass er alle anderen belog. Ich hätte gerne gehabt, dass er bei mir eine Ausnahme machte; ich dachte, wir verstünden uns wie zwei, die unter einer Decke stecken. Mir würde er doch die Wahrheit sagen. Dass er dann auf diese Weise an mir vorbeizog schmerzt, aber ist letztendlich nur menschlich.

[Eine Einspielmusik erklingt. Die Nummer eins spannt den muskulösen Nacken. Schaumschläger ergreift das Wort und kündigt einen Beitrag zu einem aktuellen Sportgeschehen an. Die beiden bleiben schweigend auf ihren Art-Deco Hockern sitzen und betrachten über einen übergroßen Monitor, was auch die Zuschauer zu Hause auf den Bildschirmen sehen können. Nach fernsehgerechten zweiminutenachtundfünfzig endet der Beitrag. Die Kamera schwenkt zurück auf die Nummer ein, erst in Großaufnahme, dann zoomt sie leicht aus, damit beide Protagonisten sichtbar sind.]

Welchen Eindruck werden sie aus ihrer Karriere mitnehmen?

Die Unumkehrbarkeit der Zeit. Ich habe phantastische Erlebnisse kreiert und erleben dürfen, und habe gelernt, dass die Zeit unumkehrbar ist. Es ist das Abenteuer, das nicht wiederkehrt, und es macht mich leicht melancholisch und wahnsinnig stolz zugleich.

Welche Momente waren das?

Ich erinnere mich an ein Elfmeterschießen. Das Gefühl von Abenteuer geht aber nicht von konkreten Ereignissen aus: es ist vielmehr die Art, in der sich die Augenblicke verketten. Ich stehe vor knapp siebzigtausend Menschen: plötzlich fühle ich, dass die Zeit verrinnt, dass jeder Augenblick zu einem anderen führt, dass dieser zu einem weiteren führt, dass jeder Augenblick sich in nichts auflöst, dass es sich nicht lohnt, zu versuchen, ihn festzuhalten . Der nächste Schütze schießt, ich werfe mich nach links und fange einen runden Gegenstand, doch den Moment kann ich nicht festhalten. Und so schreibt man diese Eigenart den Ereignissen zu, die sich einem in den Augenblicken zeigen. Was eigentlich Form ist, überträgt man auf den Inhalt. Kurz, über dieses berühmte Verrinnen der Zeit wird viel geredet, aber man sieht es kaum. Man sieht mich, man denkt, dass ich bald ein alter Mann sein werde, nur man sieht mich nicht altern. Aber zeitweilig scheint es, dass man mich doch altern sieht: das ist das Gefühl von Abenteuer; ich werfe mich in Richtung eines auf mich zufliegenden runden Gegenstandes und schaffe es, mit meiner Hand die Flugrichtung zu beeinflussen.

[Schaumschläger schaut etwas irritiert angesichts der Worte. Seine Irritation wird im Schweigen des Publikums gespiegelt. In der ersten Reihe schauen sich zwei mittelalte übergewichtige Männer ratlos an. Schaumschläger kündigt einen neuen Beitrag an, diesmal zur Karriere seines Gastes. Man schaut interessiert auf den Bildschirm von vorhin. Zweiminutensiebenundfünzigsekundenlanges Schweigen.]

Man sagt, sie seien auf dem Fußballplatz jemand anderes, und wer sie manchmal in Aktion sieht, kann dem nur Zustimmen.

Ja, und ich will ihnen das auch erklären. Wie viele Bücher haben sie schon gelesen, Herr Schaumschläger? [Schaumschläger, der vorher mit dem Ellenbogen auf dem Tisch gelehnt hatte, richtet seinen Oberkörper etwas auf und lehnt den Kopf leicht nach hinten; er ist es nicht gewohnt, Fragen zu beantworten. Seine Antwort fällt daher kurz aus.]

Für meinen Job muss ich nur die WORT-Zeitung lesen.

Ja, ich weiß. Das ist auch das Problem ihres Berufsstandes. Die meisten wissen noch nicht mal, was sie mit einem Buch anfangen sollten. Die halten den neuen Elektroreader für das nächste Weltwunder, weil sie von dessen Hersteller mit belegten Brötchen geschmiert werden. Doch zurück zu den Büchern. Wissen sie, wenn in einem guten Buch ein Wald auftaucht, so wird durch ihn meistens noch etwas anderes ausgedrückt, er beinhaltet als Motiv eine literarische Konnotation: er ist oft ein Ort, an dem magische Dinge passieren, ein mystischer Ort voll von Gewalt und Monstern. Der Fußballplatz ist im literarischen Sinne der Wald des Fußballspielers: hier ist nichts so, wie es außerhalb des Waldes ist. Wenn wir das Stadion verlassen, sind wir ganz normale Menschen, auch wenn sie mir das nicht glauben können, weil sie immer noch über die Geschichte mit dem Elektroreader nachdenken. Ich denke, dass das Umfeld den Menschen determiniert. Und wenn hundert verschlingende Elektroaugen dich erbarmungslos aufsaugen und dich in in vergrößerter Echtzeit Millionen von Menschen präsentieren, dann kann man sich dem weniger erfolgreich entziehen als Beispielsweise die Bundeskanzlerin in ihrem Wald in Berlin. [Schweigen.]

Ja. Wie sehen sie die aktuelle Situation in ihrem Verein? Sie sind erfolgreich, aber es scheint, als würden manche Spieler nicht mehr auf den Trainer hören.

Ja, das kann ich schon verstehen. Viele in unserer Mannschaft sind gebildete Menschen, lesen, studieren und interessieren sich für Kultur. Und was das zuhören betrifft: Ein Mensch hat zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Meistens liegt man damit vollkommen richtig: denn Gescheites bekommt man nur selten zu hören, besonders von unserem Trainer.

Was wollen die Spieler denn vom Trainer hören?

In der Kabine sitzen 22 gigantische Egos. Sehr gern hören große Egos: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich für Trainer, immer drei Nummern gröber zu verfahren als sie es überhaupt für möglich halten. Gute Trainer wissen das.

Warum hat er es so schwer bei euch?

Er war nicht grausam genug. Ein Trainer ist ein kleiner Herrscher, und als er zu uns kam, hat er sich nicht wie ein Herrscher verhalten. Ein Herrscher muss sich aufs Befehlen verstehen und rechten Gebrauch von der Grausamkeit machen: damit meine ich, dass er gleich zu Amtsantritt alle Grausamkeiten hinter sich bringen muss. Das dient der eigenen Sicherheit und der Ruhe, nur erkennen das zu wenige Trainer. Der Alte Hans beispielsweise beherrscht dieses Spiel außerordentlich, wahrscheinlich liest er gute Bücher. Unser Trainer liest, so habe ich den Eindruck, nur vulgärpsychologische Tschakka-Bücher.

Der beste Spieler ihrer Mannschaft liebäugelt schon seit längerem mit einem Wechsel zu einer anderen Mannschaft. Glauben sie, dass ihnen dieser außergewöhnliche Spieler auch nächste Saison im Trikot ihrer Mannschaft zur Verfügung steht?

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist wenigstens für diese Zeit sicher, daß er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auf den Charakter. Ich halte das für töricht, noch habe ich Lust, mich das nächste halbe Jahr auf ihn zu setzten. Wir werden sehen, was kommt.

Wartet er nur auf die richtige Gelegenheit?

Richtige Gelegenheiten führt man herbei.

[Pause 3. Einspieler, Zweiminutensiebenundzwanzig; inklusive Schleichwerbung, oder: Productplacement]

Man hört immer öfter, dass auch im Fußball Doping auf der Tagesordnung steht.

Ein Verein aus dem Ruhrgebiet soll seinen Spielern dubiose Muskelaufbaupräperate verabreichen.

Ja, das habe ich auch gehört. Es ist doch so: Anstand wird gelobt, aber er schlottert vor Kälte. Verbrechen bringen teure Autos, Geld und Paläste, teure Möbel, willige Frauen und schöne Klamotten. Warum sollte man also nicht alles versuchen, um dies zu bekommen?

Weil es der Moral entgegensteht?

Ach, hören sie mir auf mit der Moral. Wissen sie, warum wir in einem Rechtsstaat leben? Weil das mit der Moral nicht geklappt hat. Erinnern sie sich nur, im Mittelalter: das Fehdewesen, das ja in gewisser Weise auf der Moral basierte, endete in einem Gemetzel sondergleichen. Moral war noch nie sonderlich ausgeprägt bei der Gattung Mensch, warum ausgerechnet sollte es im Spitzensport anders sein? Ich bin kein Heuchler, also sage ich das so direkt.

Dann sagen sie uns doch einmal, ob sie selbst schon Erfahrung mit Doping-Präperaten gemacht haben

Nein, habe ich nicht. Und so sehr ich die Beweggründe verstehe und nachvollziehen kann, so

ehrlich fällt mein persönliches Urteil aus: Jeder, der da mitmacht, soll so bleich sein, wie einer, der mit bloßer Ferse auf eine giftige Schlange trat. Nicht wegen der Moral, sondern weil sie das Rechtssystem des Sports aus purer Eitelkeit betrügen. Außerdem wirst du durch Doping nicht glücklicher. Die unglücklichsten Gewinner sind diejenigen, die gedopt haben. Denn nur das gerechte Leben ist von Unruhe frei, das ungerechte Leben ist voll von größter Unruhe. Sie können ihre Siege nicht genießen, denn sie haben jeden Tag Angst, dass man ihnen auf die Schliche kommt.

Warum wird so wenig über Doping im Sport gesprochen?

Groß ist die Wahrheit, größer aber, vom praktischen Standpunkt, ist das Verschweigen der Wahrheit.

[Schweigen. Pause 4. Ein Einspieler über eine andere Sportart. ]

Ein anders Problem sind die Fans: wiederholt muss die Polizei bei gewalttätigen Ausschreitungen von Hooligans einschreiten.

Sehen Sie, Herr Schaumschläger, die Masse hat nur die Kraft zur Zerstörung. Wenn sich Menschen versammeln,wirken andere psychologische Gesetze als wenn man alleine ist; die Masse ist das neue Individuum, funktioniert aber nach ganz anderen Regeln als das individuelle Individuum. Das ist bekannt, aber man verschließt vor manchen Ergebnissen auch einfach die Augen. Ich gebe ihnen ein Beispiel: unter den grausamsten Schlächtern der französischen Revolution befanden sich die angesehensten Anwälte und die ehrsamsten Beamten der Stadt Paris. Warum sollte eine Masse im Fussballstadion andere Eigenschaften haben als irgendeine andere Masse ? Nicht umsonst hat unser Staat so etwas wie ein Versammlungsverbot: Er hat Angst vor der Masse, weil er um ihre Eigenschaften weiß. Dem Fußball hier ein spezifisches Problem zu unterstellen halte ich ebenfalls für Heuchelei.

Aktuell geistern wieder einmal irrsinnige Transfersummen durch die Medien. Es scheint, als seien Scheichs und Ölbarone darauf aus, den Rekord für Ablösesummen für ihr persönliches Ego zu brechen.

Hören sie doch auf mit solchen kindischen Urteilen. Ich frage Sie: wann gab es Laster in größerer Menge? Wann hat Habgier weiter die Taschen geöffnet? Waren die Zeiten jemals schlimmer als heute?

Das war ja meine Frage.

Und es war meine Antwort. Denn das war ein Zitat ist fast zweitausend Jahre alt. Es mag sie vielleicht verstören, aber in der Geschichte wiederholt sich alles, oder wenn sie so fragen: alles bleibt immer gleich; also nein, was wir gerade erleben ist weder außergewöhnlich noch schlimmer als je zuvor.

Was halten sie denn dann von gesetzlich geregelten Gehaltsobergrenzen?

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht. Warum glauben sie, dass ich mehr Geld verdiene als sie? Weil ich herausragende Qualitäten besitze, besser als jeder andere Mensch. Deshalb bekomme ich auch mehr Geld dafür. So einfach ist das. Wer schlechter Bälle fängt, verdient auch weniger.

Ich bedanke mich für ihr Kommen heute Abend, und eins wollte ich ihnen noch sagen: sie sind ein wahrer Gigant, auch abseits des magischen Rasens.

[grinst] Danke. Doch ich glaube, sie irren in ihrem Urteil. Ich weiß nämlich, dass ich nichts weiß.

Betretenes Schweigen. Die Nummer Eins steht auf, winkt kurz in die Kamera, dreht sich in Richtung Treppe und verlässt die Bühne schwungvoll. Schaumschläger sammelt sich, the show must go on, das Publikum rätselt über die Worte, gedankenverlorenes Klatschen.

Heil, dir, Imperator.

9. August 2013

Die Geschichte vor der Geschichte brach unerwartet über mich herein, abrupt, sie entsprang dem Nichts des Alltags wie ein Geysirausbruch. Sie wartete gewissermaßen auf mich, ohne dass ich auch nur den geringsten Einfluss gehabt hätte, ihr zu entgehen oder sie wenigstens zu umfahren. In nanosekundenschnelle war ich umzingelt und wurde fortgerissen, ebenso hilf- wie machtlos war ich ein Schiffsbrüchiger im Weiten Ozean des Schicksals.

Dies war die pathetische Version. Die Realität wartete auf mich in der Person eines zu klein geratenen Gernegroß im Anzug, der mir die Hand schüttelte. Er wolle mich bei der Wissensvermittlung stören, teilte er mir mit, und damit er so richtig stören könne, bleibe er nun für die nächsten 45 Minuten in meiner Nähe, um mir später wortgewaltig den Beweis anzutreten, dass auch Leute ohne Ahnung, Wissen und Anstand groß aufsprechen können, wenn sie nur geeignete Machtpositionen besetzen.

Ich lächelte über seinen Kopf hinweg, übersah geflissentlich, dass er in gewisser Weise qua Amt so sein durfte und dachte mir: heute Nachmittag wird so ein schöner Tag sein; es war frühsommerlich warm, und der kleine Mann schwitzt bestimmt fürchterlich unter seinem schicken Anzug. Was soll’s.

Die Wissensvermittlung ging um eine historisch bedeutende Person, einen Römer, dessen Ruf ihm heute noch vorauseilt, der feindliche Truppen im handumdrehen besiegte, ein Meister der Propaganda, großartiger Feldherr und Politiker, kurz: vieles, nur kein guter Mensch. Der Anzugträger trollte sich überheblich zu seinem Sitzplatz in der letzten Reihe, wo er das Bild eines zu schnell gealterten und zu viel Speisen verdrückt habenden Fünftklässlers abgab. Auch er war eine bedeutende Person (in seiner eigenen Welt); zwar kein Römer, dafür aber mittelprächtiger Lokalpolitiker, der sich (in seiner eigenen Welt) durchaus auf einer geistigen und evolutionären Ebene mit den ganz großen der Geschichte sah: kurz: er hegte Sympathien für den oben erwähnten Römer.

Ich konzentrierte mich forthin auf meine Arbeit; der Zuschauer auf sein Ego, und nach Beendigung des Jobs wusste ich ziemlich genau, was mir blühen sollte: eine Kurzeinführung in das Großartige Wirken meines Zuschauers, verbunden mit der herablassenden Behandlung und stets im Angesichte der hinterlistigsten Fassade, die man sich so vorstellen kann. Die Gelassenheit in Person saß der Fassade ungerührt gegenüber und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Die Fassade beschwerte sich über die Tatsache, dass der Römer so arg schlecht weggekommen sei, er war doch ein großartiger Mensch gewesen, und überhaupt: wie könne man nur so unbegeistert angesichts der großartigen Taten dieses Vorbilds die geschichtlichen Fakten so emotionslos widergeben?

Ich starrte ihn entgeistert an, ich wusste ja dass die Fassade geistig – nun ja, mit allen Abschlüssen geschmückt, aber mit Inhalten nicht wirklich gesegnet – etwas einem Resonanzkörper glich, dass er allerdings Sympathien für Diktatoren hegte, war mir neu. Ich fragte, ob er denn wisse, dass derjenige, den er da über den grünen Klee lobe, ein Diktator war. Die Replik ließ meine Entgeisterung zu Versteinerung werden, denn wir hätten es in dem vorliegenden Falle ja wohl mit einem lieben und netten Diktator zu tun. Naja, meinte der Kleinstadtmöchtegerndiktator in versöhnlich-herablassender Lieber-Politiker-Onkel Geste, der natürlich Es-darf-keine-Partei-rechts-der-CSU-geben-Sympathisant und Wahlmann war, bei diesem Fall könne man ja ein wenig abwägen, schließlich hatte er ja auch so seine guten Seiten. Ich wollte gerade lauthals „und was ist mit Autobahn??“ rufen, hatte aber im selben Moment eine philosophische Eingabe, dass es Stellen und Momente gäbe, in der weise Männer schweigen. Ich erinnerte ihn kurz daran, dass man über Diktatoren sicherlich geteilter Meinung seien dürfe, und ermahnte ihn, dass man in einem demokratischen Land wohl noch Diktatoren zum Thema eines politischen Diskurses machen zu dürfen und ihr wirken kritisch hinterfragt werden sollte. Besonders, wenn die historische Faktenlage meine subjektive Meinung zweifelsfrei unterlege.

Da Napoleon an dieser Stelle nicht mehr weiterwusste entließ er mich mit der Ermahnung, dass ich mir seine Worte gut merken solle: historische Persönlichkeiten solle man mit mehr Enthusiasmus vermitteln. Und dieser jener wäre nun mal das perfekte Beispiel gewesen.

Drinnen und draußen

13. Juli 2013

Croatian Cars

14. August 2012

IAA, hoch gekantet

20. September 2011

Sehen, nicht sehen, nicht gesehen werden.

19. September 2011

Manche wurden sogar an der Rolltreppe überrannt

und das Sehenswerte ging in der Masse unter.

Bei anderen konnte man alles sehen, und trotz motion, emotion, freude und anderen Versprechungen wollte nichts dergleichen aufkommen.

Antike Weisheiten, Folge 837

5. September 2011

„Nicht jeder ist auf diesselbe Weise verrückt“

Juvenal, römischer Satiriker.

Ein riesiges Nichts

20. Juli 2011

Die Leere. Nachdenklichkeit. Die Bandbreite verstehen. Denkprozesse analysieren, aber nicht nachvollziehen können. Fragen.

Erstversuch

10. Juli 2011

Es gibt immer einen ersten Versuch. Man lernt dazu. Benutzt nicht mehr die Iphone-Kamera. Danach kommt der zweite Versuch. Man benutzt vielleicht ein richtiges Photoprogramm, nicht mehr WindowsLivePhoto. Irgendwann klappt es.