Beim Barte des Philosophen

George Clooney hat einen, neuerdings. Brad Pitt auch. Und Jude Law. Der Schnurrbart scheint aktuell sowas wie ein Comeback zu feiern.

Auch die Figuren in den Werken des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre scheinen eine besondere Beziehung zu dieser, auch optisch, fragwürdigen Form des Körperschmucks zu haben. Etwa Lucien, Protagonist der Geschichte Kindheit eines Chefs, der sich weigert, erwachsen zu werden und vielleicht deshalb schon zu Kindeszeiten eine ganz besondere Beziehung zum Schnurrbart pflegt. Lucien ist gerade drei Jahre alt und sich der Geschlechterrollen noch nicht so ganz sicher. „Was würde geschehen, wenn man Mamas Kleid auszog und sie Papas Hosen anzog? Vielleicht würde ihr sofort ein schwarzer Schnurrbart wachsen,“ fragt er sich. Eine befreundete Frau der Familie wird vom kleinen Lucien so beschrieben: „Madame Besse war eine große und starke Frau mit einem kleinen Schnurrbart.“ Ach du Scheisse.

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Als alteres Kind bekommt Lucien die Schnurrbart-Panik, er sah sich schon „mit 35 Jahren, affektiert und geschminkt, und schon hob ein Herr mit Schnurrbart und dem Orden der Ehrenlegion finster blickend seinen Spazierstock“. Als er mit seinem Vater beim sonntäglichen Spaziergang durch seine Heimatstadt einen der Arbeiter aus der Fabrik seines Vaters sieht, bemerkte Lucien, „man hätte Pere Bouliguad nicht am Schnurrbart ziehen dürfen“, warum auch immer. Nach einigen weiteren Lebensjahren und einigen mehr, teilweise oder weniger erfolgreichen und nachahmenswerten Erfahrungen trifft er, fast volljährig, auf einen Klassenkameraden, der Lucien gleich beeindruckt. Warum? „Er war noch größer als Lucien und hatte mit seinem schwarzen Schnurrbart schon das Benehmen eines Mannes“. Das symbolische Erwachsenwerden durch unkontrolliertes Sprießenlassen des Moustache beeindruckt Lucien so sehr, dass er am Ende beschließt, „Ich werde mir einen Schnurrbart wachsen lassen“.

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Auch der Spanier Pablo, der tragische Held aus Sartres berühmter Erzählung Les Murs hat sein ganz eigenes Schnurrbarerlebnis. Gerade hat er durch einen wirklich absolut unvorhersehbaren Zufall seine Freunde verraten und dem Tode ausgeliefert, da sieht er, sein und das Schicksal seiner Freunde noch nicht ahnend, einen Schnurrbartträger und Falangisten. Da er mit seinem eigenen Leben abgeschlossen hat, beschließt er, einen seiner Peiniger etwas zu reizen. „Du musst deinen Schnurrbart stutzen, Dummkopf!“ raunzt er den Mann an, und wundert sich, wie Menschen sich, zu Lebzeiten, von Haaren das Gesicht überwuchern lassen. Auch George Clooney bräuchte, so meint man, einen Pedro.

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Selbst in Sartres Der Ekel, wohl einem der bedeutensten Romane des Existentialismus, taucht der obligatorische Schnurrbart auf. Der Protagonist, Antoine Roquentin, der gerade wohl den schlimmsten Ekelanfall seines im Roman festgehaltenen Lebens erfährt, entwickelt seine ganz eigene Schnurrbartphilosophie. „Der schöne Herr existiert Ehrenlegion, existiert Schnurrbart, das ist alles; wie glücklich man sein muss, wenn man nichts ist als eine Ehrenlegion und ein Schnurrbart; er sieht die zwei spitzen Enden seines Schnurrbartes beiderseits seiner Nase. Ich denke nicht, also bin ich ein Schnurrbart“. Wobei vor allem der letzte Satz den Herren Clooney, Pitt und Law zu denken geben sollte: Ich denke nicht, also bin ich ein Schnurrbart.

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