Das Problem des Herrn G.

Was soll ich machen ich bin so verzweifelt (hebt die Hände) ich weiß echt nicht mehr weiter (schüttelt den Kopf) bis vor kurzem war noch alles okay – – – ach was sage ich natürlich ist es schon länger nicht mehr okay aber wer will das schon wahrhaben – – – doch jetzt ist alles noch schlimmer als zuvor – ich weiß nicht was anders ist aber jedenfalls ist mein Leben nicht mehr wie vorher — wie soll ich es beschreiben (überlegt) ihr Nicken sagt mir dass sie mich verstehen aber so etwas haben sie noch nie erlebt (zynisches Lachen) denn wenn ich morgens aufstehe möchte ich am liebsten liegen bleiben und wenn die Straßenbahn kommt hoffe ich dass die falsche Linie anhält oder die richtige Linie in die falsche Richtung fährt – – ich hoffe dass ich bei rot über den Zebrastreifen muss und dass vielleicht doch einmal bei der Schule an der ich vorüber laufe ein Amoklauf stattfindet und mich eine verirrte Kugel eines durchdrehenden Jugendlichen trifft (wildes Gestikulieren) oder vielleicht dass ein Irrer die ganze Stadt in Brand setzten könnte oder vielleicht ein Herzinfarkt (hält inne) aber das kann ja in meinem Alter auch nicht die Lösung sein (schaut nach oben)

und wenn ich dann abends nach Hause laufe gehe ich wieder bei rot über den Zebrastreifen und hoffe dass die letzte Straßenbahn schon weg ist obwohl ich genau weiß dass die letzte Straßenbahn erst in fünf Stunden fährt — – – ich hab mal gelesen das könnte Burnout oder Midlifecrisis sein aber das ist nicht was mich quält das sag ich ihnen — aber ich muss jeden Tag heim – – -muss aber will nicht – – was soll ich dort – meine Wohnung ist wie mein Kopf – – – ein leeres Chaos unstrukturiert und – – – ich zahle Steuern nur auf mein Genie (lacht) und in letzter Zeit ist mein Leben steuerbefreit (lacht zynisch) wäre ich ein Zumwinkel – – wie würde ich da mein Leben lieben (Ausrufezeichen) (sinkt ganz tief in den Sessel) ach ja das ist schon so eine Geschichte nicht wahr (nickt und lacht dabei ein schmerzendes Lachen) aber ich sage ihnen mal was (Schweigen) (Stille) (Schweigen) (Ruhe) (Schweigen) nee, doch nicht (Schweigen) es ist so schwer ich zu sein dass ich es gar nicht mehr aushalten kann – – vielleicht wär es einfacher ich wäre mehr als einer aber das ist wohl auch nicht im Sinne des Schöpfers wobei wenn ich so nachdenke — wissen sie – – der Pfarrer geht mir auch aufn Sack ich hab in der Bildzeitung gelesen was die mit den kleinen Kindern machen also nee – was soll man dazu sagen ich meine das geht doch nicht so als Pfarrer – aber das ist deren Problem nicht meins – ich hab andere (spricht auch mit den Händen)

manchmal denke ich mir was für ein großer Künstler mit mir verloren ging und am nächsten Tag denke ich ich mach es wie Kurt oder wie der Künstler doch dann würde ich mir selbst auf dem weg zur Arbeit begegnen (denkt nach) das klingt komisch und nicht ganz plausibel aber ich weiß auch nicht – ich bin so verzweifelt was soll nur aus mir werden in der Zukunft falls ich überhaupt so etwas wie Zukunft habe man sagt ja dass man fürs Jetzt lebe und jetzt lebe ich nicht (schluchzen) was mache ich nur falsch ich fühle mich als wäre ich gerade auf einer langen sonnenlosen und anstrengenden Reise durch ein großes dunkles und kaltes Land und die Ewige Nacht legt ihren Mantel über mein Ich und ich finde den Reißverschluss nicht Oh Fortuna

ich war einmal eine Koryphäe sagten sie aber heute würde man mich anders nennen – – wissen sie überhaupt wies zur Koryphäe kam (guckt leer) ach ne sie haben wahrscheinlich nur ihre Fachbücher gelesen da gings um andere Dinge das kann man —- echt Scheiße ist dass wenn sie sehen das alles und dann kommt noch der Chef auf Arbeit — – was für ein Arschloch (Pause) – – und ich wünsche mir ich hätte die falsche Straßenbahn genommen und der Opelfahrer hätte die rote Ampel nicht gesehen und (resignierendes verzerren der Mundwinkel) ach es ist so sinnlos der Druck ist unmenschlich heutzutage – den Urlaub haben sie mir gestrichen letztes Jahr war ich schon auf Reha da gings mir verdammt schlecht und dann als ich wieder rauskam da war es anders – – – anders eigentlich ist ja nichts passiert der Chef sagt auch immer was ist denn los mit Ihnen und die Sekretärin die mitm Chef bumst die lacht schon wenn ich morgens in die Firma schleich (denkt den nächsten Satz schon einmal) Treppe hoch – später kommt ne Straßenbahn und nichts ist passiert

„Mein lieber Herr Goldstift, sie haben mir immer noch nichts von ihrem Problem erzählt“. Der Psychologe machte eine Notiz in seinen Block, beugte seinen Kopf schräg nach vorne und fixierte Goldstift mit seinen Augen.

„Ich bin Journalist und hab ne Schreibblockade“ sagte Goldstift, stand auf und ging.

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