Oktoberfest 1934

„Nürnberger Bier! Es hieß, dass jeder Güterverkehr eingestellt sei während dieser Tage, da sämtliche Nürnberger Spediteure zum Heranschaffen der Bierfässer benötigt seien. Es war fast eine Kunst, nach diesem gewaltigen Erlebnis des Aufmarsches eine „Halbe“ zu erlangen. Überall, auf improvisierten Bänken und Tischen hatte jeder Wirt seinen „Garten“ vor das Haus getragen, und ich glaube, dass keine Brauerei noch einen Stuhl übrig hatte.“

Ich komme um kurz nach drei Uhr nachts auf dem Volksfest an, und bin erstaunt über das Bild, was sich mir hier bietet: Der Bahnhof döst vor sich hin, wartet gedultig auf den nächsten Tag und beherbergt in seinem Bauch eine ganze Armee von dahinvegetierenden Menschen, die halb schlafend halb, mit offenen Augen, starrend auf den Morgen warten.

Alle Festbesucher sind in ihrer speziellen Landestracht gekommen, an der Krachledernen erkennt man den Südbayer, die flachsblonden Haare zeichnen die Besucher von der Wasserkante aus. Ich erinnere mich an die Abfahrt vom Bahnhof in Würzburg, wo die Gleise voll von leergetrunkenen Papierbechern waren, und aussahen, als wären sie von einer Lawine verschluckt worden. Was für ein Chaos an allen Bahnhöfen im Lande herrschen musste, jeder will hier sein, und wir hätten fast keinen Platz im Zug gefunden, hätte die Bahn nicht noch zwei Waggons mit bequemen Sitzen ans Ende des Zuges angehängt.

Ich verlasse den Bahnhof, gehe nach draußen, in Richtung der wunderschönen, schlafenden Stadt, deren Straßen von umherirrenden Besuchern überfüllt sind, die kein Nachtquartier gefunden haben, weil alle Hotels und Gästezimmer ausgebucht sind. Die verschlafensten Leute begegnen mir glückstrahlend, mit leuchtenden Augen, berauscht vom großen Erlebnis dieses Volksfestes. Die bunt leuchtenden Reklametafeln verkünden, dass es gar das größte Volksfest der Welt sei, und wer hier zu Besuch ist, glaubt es wahrscheinlich auch: es ist vier Uhr morgens, aber es scheint, als seien alle schon zu dieser Uhrzeit in Stimmung, das Volksfest wieder beginnen zu lassen, als warten sie nur auf den Beginn des Tages und die Fortsetzung des Gestern. Ich bin mit einigen Freunden hier, wir laufen in Richtung des großen Platzes, weil wir einige der begehrten Sitzplätze mit guter Aussicht über das ganze Gelände haben wollen. Als wir an den Kassenhäuschen ankommen, merken wir, dass wir gar nicht die Ersten sind, sondern eher die Zehntausendsten, die eines der begehrten Tickets haben wollten.

Nichts geht vorwärts hier, und: verdammt, es ist stets dasselbe: die eigene Schlange braucht immer am längsten! Scheinbar alle Zehntausend vor uns, aber dazu noch Zehntausend, die nach uns an den Schalter kamen sind schon auf dem Platz und auf den Tribünen, und alle guten Plätze sind natürlich schon vergeben.

Und jetzt? Ich lasse mich erst einmal von der Musik trösten. Sie ist laut, die Trommeln sind dominant doch der Rhytmus ist zu schnell, er sollte nicht schneller als mein Puls sein, vor allem nicht am Morgen um halb sechs. Wenigstens wid man wach. Ich bin beeindruckt von den Ausmaßen der Veranstaltung, von den riesigen Tribünen und den unendlich scheinenden Menschenmassen. Ich sehe ein Filmteam, das allerdings nach wenigen Sekunden schon wieder hinter einem Vorhang aus Armen, Köpfen und Hemden und Fahnen verschwindet.

Natürlich geben wir uns nicht mit unseren schlechten Plätzen zufrieden. Als wir sehen, dass eine kleine Gruppe ihren Platz für eine Sekunde verlässt, eilen wir hin, besetzen die Stelle und geben unseren neugewonnenen Lebensraum nicht mehr Preis: von dort können wir das Geschehen verfolgen: wir sehen die Prominenten winken, ganz nahe kann man den Bart des einen und die Hand des anderen betrachten.

Der Zufall trägt uns bekannte Gesicher herbei, zwei Mädels aus Würzburg, ausgerechnet sie hier! Tausende Menschen aus ganz Deutschland, und wen trifft man? Leute, die keine zehn Straßen weiter wohnen. Mittlerweile ist vom Platze nichts mehr als eine unzählbare, hin und her wogende Menschenmenge zu sehen, keine freie Stelle wagt es mehr, dem Betrachter sein Nichts entgegenzuschmettern. Die Musik spielt immernoch, aber es ist mehr ein Wirrwarr aus Tönen, aus verschiedenen Rhytmen und Instrumenten, aus Lauten, undefinierbar, die sich zu einer Melange aus Frequenzen verbinden, ohne mir etwas Konkretes zu übermitteln.

Wir gehen nach draußen, laufen ein wenig in der Stadt umher: mittlerweile ist es elf Uhr, und eine unerträgliche Spätsommer-Morgenhitze drückt sich in die Gassen und lauert uns ständig auf. Manchmal bekommt man von den Einwohnern der Stadt etwas zu trinken spendiert, ein Scherzkeks erfrischt uns sogar von seinem Balkon im dritten Stock mit einem Strahl aus seinem Gartenschlauch. Auf dem Marktplatz hat sich eine ganze Menge gesammelt und singt: „Wir woll´n den Göring sehn, wir woll´n den Göring sehen, wir woll´n wir woll´n … den Göring seeeehn.“

Göring kommt, winkt einmal nach links, einmal nach rechts, winkt mir und verschwindet wieder.

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