Hoppenheim vs. Scheisse 04

Ein kleines Dorf beschäftigt Fußball-Deutschland. Hoffenheim steht sinnbildlich für neue Entwicklungen im Fußball, Kommerzdreck und alles andere, wo man mal ordentlich dagegen sein kann. Der Trainer liest nicht mehr Bildzeitung, sondern gibt taktische Anweisungen, bei denen man den Satz von Pythagoras verstanden haben muss. Wir spielen hier nicht auch um die Meisterschaft – nein: wir wollten entertainen, connecten, ein Standortfaktor in der badischen Steppe sein, ein unique selling….

Wenn man nach Hoffenheim fährt, so bietet sich einem bei der Anfahrt die spektakuläre Fülle einer Mondlandschaft: Das Nichts grüßt Sie in und um Hoffenheim. Mittendrin, wie eine gerade gelandete Apollo-11 Station, das Stadion. Quatsch, natürlich heißt das Ding, wie jedes andere Stadion heute, Arena. Die Arena steht sinnbildlich für das ganze Projekt Hoffenheim: da, real, aber irgendwie verloren. Zwar direkt an der Autobahn, nahe bei irgendwo, aber doch irgendwie einsam, ohne Bindung an irgendetwas. Hier kommen die Zuschauer mit dem Benz, nicht mit der Straßenbahn. Die Fankluft liefert, je nach Altersklasse, Hugo Boss oder Ed Hardy. Das ganze wirkt blutleer, aufgesetzt. Den meisten hier dürfte egal sein, was in der Arena passiert. Hauptsache irgendetwas. Direkt neben den Parkplätzen beginnt die badische Steppe. Auch optisch passt sich die Arena sowohl der Umgebung als auch dem modernen Fußball generell an: Die RheinNeckar-Arena sieht von außen aus wie jede beliebige andere moderne Arena, und, ich möchte es nicht verschweigen, von innen auch. Kühle Stahlkonstruktionen, die den Charme eines Baumarktes im Gewerbegebiet-Ost versprühen. Ich kenne diesen speziellen Charme. Woher? Aus allen anderen modernen Fußball-arenen. Auswechselbar, pseudo. In etwa so wie die Allianz Arena in München. München, Hamburg, Hoffenheim. Egal.

Es gibt Luxus im Durchschnittspaket, alles ordentlich, glatt, der Architekt hatte weder eine Meinung noch eine Vision. Man läuft links, rechts. Hier sneakt Andy K. vorbei, der hinter seinen Namen – ernsthaft – ein TM setzt. Dort grinst Jogi L., in buntem Schal an schwarzem Mantel. Jogi grinst wahrscheinlich, weil er einen Platz hat, von dem aus er etwas sehen kann (und natürlich, weil er den coolsten Schal der Arena hat). Im Gegensatz eignet sich der mir zugewiesene Beobachterplatz zu Vielem – nur nicht zur Beobachtung des Spiels. Vielleicht ist auch das sinnbildlich, denn darum gehts hier ja auch gar nicht.

Die Fan-Gesänge konzentrieren sich darauf, den Namen der gegnerischen Mannschaft, in beleidigender Weise verändert, zu singen. Ohne Pause, das komplette Spiel über. Ich erinnere mich an einen Song von Blumentopf, wo die Münchner Band andere Hiphop-Acts disst. Man sollte schweigen, wenn man nur den Namen der eigenen Band rappen kann. Wenn man als Fan nur eine plumpe Provokation durch beleidigende Änderung hinbekommt, sollte man vielleicht ebenfalls schweigen. Man muss aber dazu sagen, dass Hoffenheim nur sehr wenige Fans hat (wenn man zwischen Fan und einfachem Zuschauer unterscheiden will), und die dazu auch noch alle – überspitzt gesagt – im Vorschulalter sind.

Deutlich unterscheidbar von den Fans sind die Zuschauer. In anderen Stadien gibt es nur Fans. In Gelsenkirchen etwa gibt es fast nur Fans, keine Zuschauer, in Hoffenheim ist die Mehrzahl simpler Zuschauer im Trikot von einem angesagten Modelabel. Immerhin rekrutieren sich aus den Reihen der Zuschauer keine Hooligans, das ist schon mal ganz gut. Mit teuren Uhren, schicken Hemden, modischen Hosen und gepflegten Frisuren kann mann sich halt in der Businesslounge nicht so gut schlägern, also lässt man es als Zuschauer gleich. Außerdem: was sollten die Businessfreunde sowie der mitgebrachte siebenjährige Sohn, ein verwöhntes Einzelkind, da denken. Und da diese Beschreibung prototypisch auf 90% der Anwesenden passt, bleibt die Stimmung friedlich,bis auf die dumpfen und uninspirierten Gesänge der relativ wenigen Fans.

Doch nicht alles ist schlecht hier, beileibe nicht. Das Catering ist ok, die Hostessen sehen durchweg, wie im eingespielten Badenerlied versprochen, super aus. Wirklich heiße Mädels, das. Und sind verdammt freundlich.

Das Spiel war ebenso wie die Arena: austauschbar. Kevin Kuranyi hat das Fußballspielen immer noch nicht gelernt. So langsam muss er sich anstrengen, bald wird er dreißig. Rafinha hat immer noch alle Tricks der letzten Saison drauf, wenn er so weitermacht, wird er bald nicht mehr bei Schalke spielen, sondern bei einem größeren Club wie Juventus Turin. Mit dem Knie in den Rücken der Gegner springen, von hinten in die Wade treten, astrein. Danach noch kopfschüttelnd, mit erhobenen Händen und Unschuldsmiene in Richtung Schiedsrichter gucken. Genial. Ralf Rangnicks Team spielt Konzeptfußball, der sich qualitiativ der Arena anpasst: nichtssagend, lieb, aber hauptsache modern.

Irgendwie vermisse ich die alten Stadien. AllianzArena, Rhein-Neckar-Arena, Commerzbank-Stadion. Schön und gut. Mit waren Parkstadion, Olympiastadion und dergleichen lieber.

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