Über das Mitleid

Ich solle bitte Mitleid haben mit ihm. Der arme Kerl. Er hat unbestätigten Gerüchten zu Folge meinen Bruder beklaut und wird deshalb unbestätigten Gerüchten zu Folge bald entlassen. Ob ich mir keine Gedanken über sein Schicksal mache, und überhaupt: Viel zu hart, unmenschlich sei ich, mangels gezeigtem Mitleid. Doch ich werde mich nicht beugen. Denn nicht ich bin in der falschen Position, sondern diejenigen, welche in überzeugtem Ton behaupten, Mitleid wäre bei der Beurteilung skrupelloser Hinterhältler ein angemessenes Beurteilungskriterium. Es ist eine Unart, Mitleid als lobenswerte Tugend anzusehen. Wie sie in bittere Tränen ausbrechen können, wenn das Schicksal eine gerechte Strafe spricht. Wie sie leiden bei Dingen, die sie eigentlich gar nichts angehen.

Mitleid ist eben keine erstrebenswerte Charaktereigenschaft. Im Gegenteil. So wie Grausamkeit eine negative Randerscheinung der Strenge ist, so ist Mitleid die negative Randerscheinung der Güte. Güte verzeiht nach gerechter Strafe, Mitleid lässt sich von bitterlichen Tränen dazu verleiten, erst gar nicht eine gerechte Strafe auszusprechen. Dies ist nicht nur ungerecht gegenüber dem, welchem durch eine Handlung ein Schaden entstanden ist. Paradoxerweise wäre es auch ungerecht demjenigen gegenüber, der eine Untat begangen hat. Wer einmal damit angefangen hat, schlechte Taten oder Verbrechen zu begehen, der steht vor der Notwendigkeit, diese fortzuführen. Sei es, um vorangegangene Verbrechen durch Lügen oder ähnliches zu decken, sei es, um einen erstohlenen Standart auch weiterhin aufrecht erhalten zu können.

In sofern kann eine gerechte Strafe für den Täter sogar eine Befreiung sein, sowohl von der Schuld als auch von dem Zwang, weiterhin Schlechtes zu tun. Es ist eine Chance zur Umkehr, wenn der ehrliche Wille zu Besserung vorhanden ist. Der Zwang, schlechtes zu tun, wird ihm genommen, durch die gerechte Strafe wird er frei. Mitleid dagegen ist ungerecht; ich aber will nicht ungerecht sein. Seneca nennt Mitleid gar „einen Mangel der Seele, […] der Mangel eines kleinen Geistes, der beim Anblick fremder Leiden zusammenbricht“. Doch nicht nur das. In der antiken Philosophie wird betont, dass nur der Abstand von den Dingen – Tod, Reichtum, Schicksal, besonders dem anderer Menschen, etc. – zu glücklichem Leben führt. Wer also Mitleid zeigt, wird in letzter Konsequenz sogar selbst unglücklich. Oder ist es schon. Folgerichtig sagt Seneca auch: „sooft ich keinen Grund für Mitleid fand, schonte ich mich selber“. Man darf davon ausgehen, dass Seneca nicht oft einen Grund für Mitleid gefunden hat. Mitleid ist nicht nur ungerecht, sondern darüber hinaus auch dem eigenen Glück nicht sonderlich zuträglich.

Davon unberührt bleibt die Tatsache, dass Vergebung ebenfalls ein zentraler Gedanke der Antike war Der Forderung, kein Mitleid zu haben, schloss sich das Gebot, zu verzeihen, unmittelbar an. Nichts ist schädlicher, als eine Tat nicht zu vergeben. Ich sagte meinem Bruder also, dass er dem Dieb vergeben müsse, denn das sei seine Pflicht als der Geschädigte. Sofern der Dieb die Strafe annimmt, Besserung gelobt und danach handelt, sollte ihm in der Zukunft kein Weg versperrt sein: dies gebietet die Güte und die Pflicht der Vergebung. Vergeben macht frei. Und auch hier findet sich ein Paradoxon: Nicht nur demjenigen, dem vergeben wird, hilft das Vergeben. Auch der Vergebende kann ab sofort wieder frei atmen, ohne Wut oder andere negative Emotionen auf die Vergangenheit zurückblicken. Er ist mit sich selbst und der Außenwelt im Reinen, und die Ausgeglichenheit der Seele ist, trotz des vorher passierten Ungerechtigkeit, wieder hergestellt. Es ist die Pflicht des Täters, die Strafe zu akzeptieren, die Pflicht des Strafenden, gerecht zu urteilen, Pflicht des Opfers, zu vergeben. Mitleid ist keine Pflicht, Mitleid ist eine Unart.

Besonders anfällig für Mitleid sind laut Seneca „alte Frauen und Weiblein“, die die Strafe losgelöst von der Tat betrachten und nur das bittere Los des Bestraften sehen, nicht aber die Leiden desjenigen, welcher unter den Untaten des Täters vorher gelitten hat. Von solchen bitterlich (oder berechnend) vergossenen Tränen sollte man sich aber nicht beeinflussen lassen. „Kummer trifft einen Weisen Mann nicht“ sagt Seneca, und er hatte natürlich Recht. „Wenn einer vom Weisen fordert, [Mitleid zu haben], kommt es dem nahe, dass er Jammern und Schluchzen bei einem Begräbnis fordert, das ihn nicht betrifft.“ Welcher halbwegs intelligente Mensch würde so etwas fordern?

Abgesehen davon sollte man hinsichtlich von Verbrechen immer bedenken: Jeder Mensch hat die Freiheit, zu handeln, wie es ihm beliebt. Nur muss man seine Handlungsmaximen auch immer von den Konsequenzen der Handlung mit bestimmen lassen. Auch das ist eine Freiheit, nämlich die Freiheit, negative Konsequenzen durch eigenes Handeln zu vermeiden. Wer dies nicht tut, handelt auf eigene Gefahr, und die Konsequenz seines Handelns geht mich nichts an. Überhaupt: Wer schlecht handelt verliert immer: Wird die Tat nicht aufgedeckt, so jagt ihn schlechtes Gewissen, und schlecht schlafen wird, wer schlecht gehandelt hat. Wird er erwischt, so muss er die Konsequenzen erhobenen Hauptes tragen. Sofern er dann aus dieser Sache lernt, hat auch das Schlechte noch ein Gutes. Falls nicht, berührt es mich auch nicht.

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