Wenn Politiker Bücher schreiben.

Lieber R.,

du wirst es kaum glauben, aber ich habe wirklich einmal das von dir empfohlene Buch* zur Hand genommen und es mir zu Gemüte geführt. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, es zu lesen, denn du hattest mir ja erzählt, für wie gelungen du dieses kleine Werk hältst. Und man kann nicht abstreiten, dass das Buch sehr kurz ist.

Doch, lieber R., ich hatte mich gefragt, warum ausgerechnet du das Buch eines Politikers lobst, der in der Partei des politischen Gegners ist. Warum also empfiehlst du mir das Buch eines stramm-konservativen Autors? Ich wollte es mir damit erklären, dass man vielleicht auch einmal eine ideologisch entgegengesetzte Meinung gut finden dürfe, sollte der Autor, der Herr S., eine akzeptable Meinung vertreten. Das wäre ein Zeichen von wahrer Größe.

Oder liegt es, lieber R., an deinem Alter. Wer mit 20 nicht Revolutionär war, hat nicht gelebt. Wer mit 40 nicht konservativ wurde, hat nichts aus dem Leben gelernt; so in etwa geht ein Sprichwort, an das ich mich dunkel erinnere. Hast du deine politische Meinung geändert, und dies ist an mir unbemerkt vorüber gegangen?

Ich las also das Buch, und, Lieber R., ich fragte mich schon nach den ersten Seiten, was dir an diesem Buch so sehr gefallen hat. Meiner bescheidenen Meinung nach glänzt der Autor nicht gerade mit Geistesgröße, und auch andere begrüßenswerte Faktoren wie Humor oder Unterhaltungswert werden weitestgehend ausgespart. Alles, was ich fand, war plump verpackte politische Propaganda und eine etwas, fragwürdige, würde ich sagen, politische Einstellung des Autors. Seine Polemik gegen political correctness und die diese verbreitenden Gutmenschen wurde für mich jedenfalls zunehmend unerträglicher, je weiter ich der Seite 63 – dem Ende des Buches – kam.

Der S.* beklagt sich erst einmal darüber, dass Wörter wie Krüppel, Neger, Ausländer oder Rasse seinem Wortschatz entzogen werden, dabei würde er diese Wörter doch so gerne benutzen. Mir drängt sich da ein komischer Gedanke auf, lieber R., aber ich will mich nicht in Andeutungen ergehen. Dass es im politischen Spektrum keine Partei rechts der Partei des S. geben soll – so lautete deren Wahlspruch früher, kurz nach der unglücklich verlaufenen Geschichte mit einem ausländischen Regierungschef – ist ein kleiner Anhaltspunkt für mich, der ich die historischen Hintergründe kenne. Und ich muss klar bekennen, dass mir die das-wird-man-ja-nochmal-sagen-dürfen! – Rhetorik nach einigen Zeilen gehörig auf den Geist ging. Da ich den unbestrittenen Vorteil des Buches im Hinterkopf hatte, quälte ich mich trotz der entstandenen und stetig wachsenden Aversionen gegen dasselbe, die Idee und den Autor weiter. Ich wusste: es dauert nicht mehr lange, und das Buch ist zu Ende. Am Ende des geistigen Horizontes des Autors war ich schon sehr früh angekommen: er war eng und flach und schwarz-braun. Ich konnte nicht einmal schmunzeln, als sich der Autor zu der These verstieg, dass, wer den Neger nicht Neger nennen darf, in seiner Erkenntnisfähigkeit und seiner Neugier begrenzt werde. „Politische Korrektheit führt dazu, dass wir unsere eigene Identität aufgeben“ schreibt der S., und es schmerzt ihn sichtbar, dass der Neger heute nicht mehr Neger heißt. Zum Glück fand der Autor nach der anschließenden Beschwerde, dass man heute nicht einmal mehr den Negerkuss Negerkuss nennen darf eine halbwegs passable Fluchtmöglichkeit, indem er den Feminismus angriff.

Liebe Freunde und Freundinnen, lieber R., ich stimme zu, dass der S. in diesem Kapitel wohl Recht hat. Schade finde ich, dass er, wie auch bei seinem vorherigen Kapitel versucht, politische Propaganda unentdeckt einfließen zu lassen und so die Leser wieder einmal im Sinne seiner Partei beeinflussen möchte. Auch ich finde, dass die geschlechtergetrennte Anrede scheußlich klingt, aber am Ende ist es wohl wie immer mit der deutschen Sprache: bei unserem technokratisiert-bürokratisch ausgedrückten Behördendeutsch klingt selten etwas wirklich angenehm. Das Binnen-i fällt hier weiter gar nicht ins Gewicht angesichts der dieses umgebenden Wortungetüme. Dass der S. dann auch noch moniert, dass das Binnen-i nur bei positiven Begriffen: Professoren und Professorinnen, Schauspielern oder Schauspielerinnen angewandt wird, und nicht bei negativen wie DiebInnen, MörderInnen, VersagerInnen oder DickköpfInnen ist eine kleine rhetorische Übung und ganz nett zu lesen. Dass er aber aus diesen Ausführungen schließt, dass damit das Weltbild, er meint also: sein Weltbild, damit meint er: das Weltbild der Partei, damit meint er: Frau am Herd; bedroht wird, ist rhetorisch zu durchsichtig, als dass es mir nicht sofort negativ aufgefallen wäre.

Und in sprachlicher Hinsicht bin ich zugegebener Maßen noch ein wenig radikaler als der S. Warum, so frage ich, müssen sich die Männer im Plural einen weiblichen Artikel gefallen lassen? Ist das nicht eine Verschwörung der Feministen? Sollte es nicht vielmehr der Männer heißen? Was mich in sprachwissenschaftlicher Sicht immer wieder ärgerte war auch die etwas wahllose Vergabe von Artikeln für bestimmte Dinge: Wenn ich eine Hose trage, muss ich deren weiblichen Artikel mitbenutzen: die Hose. Ich will aber keine weibliche Hose. Ich will eine männliche Hose tragen. Zur ausgleichenden Gerechtigkeit müssen Frauen übrigens den Rock tragen, mit männlichem Artikel, das rettet mich vor sprachtheoretischen Wutanfällen. Schlimmer noch: Das ganze Ausland lacht darüber, dass bei uns der Mond männlich ist, während die Sonne weiblich sein muss. Wie peinlich ist das denn? Seit Urzeiten wissen die Menschen, dass Sonne männlich ist. Die Römer hatten den Sonnengott Sol, und die Sonne verkörpert seit jeher männliche Eigenschaften wie Kraft und Energie, während die Mondgöttin Luna das feminin-geheimnisvolle betonte. Im lateinischen Ausland lacht man über die Deutschen, die die Frauen nicht verstehen, weil sie schon bei Sonne und Mond die Geschlechter vertauscht haben.

Ja: ich will sagen: der Männer tragen das Hosen wenn der Sonne scheint. In letzter Konsequenz bin ich sogar dafür, wegen der potentiellen Geschlechterdiskriminierung alle Artikel abzuschaffen. Das wäre doch mal was, lieber R..

Der S. hat sogar eine Bibel gefunden, die in „sprachlich gerechter“, also geschlechtsneutraler Form verfasst ist. Früher, also in traditionell-christlich-ungerechter Form, wurde Gott noch „Herr“ genannt, in der modernen Fassung muss er/sie sich mit Schmähbegriffen wie „die Lebendige“ betiteln lassen. Leider konnte der S. an dieser Stelle aus ideologischen Gründen nicht zur ultimo ratio greifen und sich zur einzig richtigen Lösung entschließen: der Abschaffung der monotheistisch-intoleranten Sektenrichtung des Christentums. Die Römer, in Religionsangelegenheiten, wie auch in den meisten anderen Dingen, traditionell tolerant, hatten diese Gott-als-die-Leidende – Problematik galant umgangen: es gab Götter wie GöttInnen, und an einer Anrede: Liebe Götter, liebe Göttinnen hätte sich kein Römer gestört – in unserer heutigen Welt, in der Toleranz auf dem Lehrplan aller Schulen ganz weit oben steht, scheint die Ausübung von Toleranz für manche männliche Menschen aber ein schier unüberwindbares Problem darzustellen.

Etwas, sagen wir, befremdlich, wirkte auf mich, als der S., der sein ganzes Leben lang in einer uneingeschränkt intellektuellen Organisation namens Bundeswehr Karriere machte, sich zum Literatur- und Sprachenwissenschaftler aufbäumte und Orwell und dessen Newspeak zur Untermauerung seiner Thesen bemühte. Ich meine: wir haben ein Verteidigungsministerium, das Krieg führt, einen Minister für Arbeit, der Arbeitslosigkeit organisiert: hätten wir da nicht näherliegende Beispiele als Newspeak gehabt? Der S. wusste wohl, warum er diese Beispiele umging: seine eigene Partei ist professionelle Newspeak-Anwenderin, worauf der S. in seiner eigenen Propaganda-Schrift nicht unbedingt explizit hinweisen wollte.

Lieber R., aus beruflichem Anlass verstehe ich, dass du die Passagen zu den Schulbüchern gut finden musst, und ich glaube, ich kann dem S. hier weitestgehend zustimmen. Anfügen will ich allerdings, dass die Partei des S. sich derselben Mechanismen bedient, und Lehrwerke beeinflusst. Ich möchte dich auf das Beispiel Hessen hinweisen, wo Anhänger der Partei erfolgreich darauf hinarbeiteten, dass absurde Theorien wie „ID“ in den Biologieunterricht einfließen. Dass der S. hier wieder einmal dem politischen Gegner Untaten bezichtigt, die der S. aus eigener Parteianschauung bestens kennen sollte, sagt mir viel über den Charakter des Autors.

Sicher hast du auch aus den Medien und vielleicht sogar aus eigener Erfahrung mitbekommen, wie sehr die westliche Welt aktuell darauf erpicht ist, sich religiös zurückzunehmen. Der S. beschwert sich, dass heute keiner mehr Ostern feiert, sondern das Frühlingsfest. Dass Ostern eben genau dies war, bevor sich eine intolerante Sekte namens Christentum dieses Festes bemächtigte ist wohl eine Ironie dieser Geschichte. Auch hier kann ich seinen Argumenten nicht folgen und sehe immer das Parteiprogramm im Hintergrund aufleuchten. Politisch tolerant wird der S. hingegen, wenn der politische Gegner zitierfähige Sätze wie „Wir brauchen Mut zur Intoleranz“ anbietet. Auf solche Sprüche reagiere ich, parteiunabhängig, allerdings etwas allergisch, und ich hoffe, lieber R., du siehst mir meine Reaktion nach.
Dass der S. gegen Ende seines glücklicherweise kurz geratenen Werkes noch ganz nützliche Einrichtungen wie den Umweltschutz angreift verstehe ich nicht wirklich. Dass er darin unverhohlen die Forderung nach Weiterbetreiben von Atomkraftwerken versteckt ist, du hast es sicherlich schon erraten, der Parteipolitik geschuldet und ein weiterer versteckter Punkt des Parteiprogramms im Werk des S.
Ich reagiere immer etwas irritiert, wenn sich Menschen mit geschichtlichen Vergleichen hervortun. Meistens sind die Menschen geschichtlich eher mangelgebildet und die Vergleiche dementsprechend schief wie der Turm zu Pisa, das wissen wir nicht erst seit dem römischen Dekadenzvergleich des heutigen Außenministers. Schief, falsch, unpassend, unglücklich, die eigene Bildungsbeschränktheit offenbarend. Ich äußere mich nicht über Dinge, von denen ich nichts verstehe, denke ich dann immer. Was will mir ein Bundeswehrgeneralleutnant von Geschichte erzählen?

Entschuldige meine Ungehaltenheit, aber wer das Rauchverbot in direkten Zusammenhang mit der Diktatur des Dritten Reichs bringt, der hat für mich nicht alle Tassen im Schrank – was sich natürlich negativ auf die Einschätzung des Gesamtwerks des Autors auswirkt. Man muss ihm aber zugutehalten, das Werk ist wirklich ausgesprochen kurz.

Wahrhaft satirisch wird es, wenn sich der S. in psychologischer Hinsicht auf das Lieblingsbuch Hitlers (!) und Mussolinis (!) bezieht – und dann auch noch das Datum des Erscheinungsjahres des Buches galant in die 1980er Jahre legt, um diesen Zusammenhang zu verschleiern. Dass der S. das Buch kennt und höchstwahrscheinlich sogar selbst gelesen hat, überrascht nicht: das Lieblingsbuch der beiden Diktatoren ist auch heute noch das inoffizielle Lieblingsbuch der deutschen Politiker, neben dem offiziellen, dem Macchiavelli. Dass er mit dieser Blaupause der Politik des Dritten Reiches nun die Behauptung aufstellt, dass genau diese ihm heute die Verwendung von Wörtern wie Rasse und Politik schwermache – nun, das ist wiederum eine wahre Ironie der Geschichte.

Der arme S. beklagt sich gegen Ende des Buches allen Ernstes, dass dieses nicht-benennen-dürfen von Dingen wie (früher angemerkt) Rasse, Neger und Ausländer demokratische Diskussionen erstickt. „Wir brauchen die Freiheit des Wortes, wir brauchen die Freiheit der Gedanken“ schreibt der S., und ich stimme ihm zu, denn der S. ist meiner Meinung nach ein riesengroßer Idiot, ein Populist aus dem rechten Rand der rechten Partei, ein Rassist, und ich bin froh, dass die Freiheit des Wortes und der Gedanken in Deutschland gegeben ist und mir Aussagen wie diese ermöglicht. Eine Seite später fordert der S. die Einführung einer Partei „Die Rechte“ und beklagt, dass eine solche Partei wegen der ganzen Gutmenschen wohl keine wirkliche Chance hätte. q.e.d.

Immerhin, scheinbar hat der S. wenigstens selbst etwas aus der Beschäftigung mit dem Thema Politische Korrektheit gelernt: der Bruch derselben ist ein Tabu, weshalb es ein guter Aufmerksamkeitsgenerator ist: der S. weiß das und forderte deshalb unlängst, das radio multikulti in radio schwarz-rot-gold umzubenennen. Er war auch der erste, der eine „deutsche Leitkultur“ öffentlich einforderte.
Es tut mir leid, lieber R., wenn ich deine Meinung zu dem Buch nicht teilen kann, aber ich freue mich schon sehr darauf, dich bald wieder zu sehen.

Viele Grüße,

dein treu ergebener V.

*Jörg Schönbohm: Politische Korrektheit. 2009.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: