Rechenprobleme im Steuervereinfachungsparadies (TEIL1)

Rückblick

Mein erster Artikel hier auf dem Blog hatte sich schon dem Steuerthema gewidmet, und auch in dem Folgeartikel will ich auf diese Thematik eingehen. Die neue Besteuerung werde supereinfach, sagt das Finanzministerium, wenn es seinen Gesetzentwurf promoten will. Doch Gesetze haben so ihre Tücken, wie ich in den letzten Monaten lernen konnte.

Im folgenden Artikel will ich euch zeigen, dass es mit der Einfachheit bei der neuen Besteuerung nicht so weit her ist, und mit Beispielen belegen, dass selbst höchstgebildete und informierte Finanzblogs und andere Institutionen, (lasst euch überraschen, das ist echt der Hammer :-)) die Besteuerung nach dem neuen Modell nicht so problemlos beschreiben können.

Doch der Reihe nach.
Ich hatte mal im Dezember 2017 ein Excel-File erstellt, welches die Auswirkungen der neuen Fondsbesteuerung errechnen konnte. Veröffentlicht wurde es samt Gastartikel beim Finanzwesir. Schon bald zeigte sich in den Kommentaren, dass die Berechnungen zu falschen Ergebnissen führten, und deshalb auch die von mir getätigten Rückschlüsse falsch sein mussten, der Artikel wurde gelöscht.

Dazu sollte man erst einmal wissen, wie die Berechnungen der Excel zustande kamen: Ich habe die Erklärungen der Webseiten Zendepot und Finanzwesir zu der neuen Besteuerung gelesen und basierend auf den dortigen Beispielrechnungen und Erklärungen eine Excel-Formel gebaut.

Fütterte man anschließend die Excel mit den Daten der Beispiele dieser Webseiten, kamen zuverlässig die dortigen Ergebnisse heraus. Ich rechnete noch einige Beispiele von einem Artikel auf justetf nach, welche ich ebenfalls mit meinen Berechnungen richtig nachstellen konnte.

Die Berechnungen der Excel-Datei führten also (in einigen wenigen Fällen) zu tatsächlich falschen Ergebnissen, in anderen Fällen aber zu richtigen. Allerdings bestätigte sie jede einzelne Fallberechnung der Blogs Zendepot und Finanzwesir.
Die begnadetsten Logiker unter uns werden da schon hellhörig und messerscharf analysieren, dass eine falsch rechnende Formel zwangsläufig falsche Ergebnisse richtig finden wird, woraus folgt, dass die Ergebnisse von Zendepot und Finanzwesir (in einigen wenigen Fällen) tatsächlich falsch sein müssen.

Noch skurriler wurde die Geschichte dadurch, dass in beiden Blogs (ich denke doch unabhängig voneinander) der gleiche Fehler bei den Berechnungen begangen wurde, sodass mir der Fehler nicht auffiel, da ich keine inhaltliche Analyse der Erklärungen und Berechnungen vornahm, sondern nur versuchte, diese in eine Formel zu packen.
Der Teufel sitzt im Detail, bemerkte der Finanzwesir in seinem Artikel zur Steuerreform, und was soll man sagen: genau so ist es. Dummerweise wartet dieser verdammte Teufel meist an der allerletzten Abbiegung auf dem Weg in Richtung Steuerberechnungsparadies. So auch in diesem Fall. Beide haben die Steuer super erklärt, die Auswirkungen ebenfalls, bis eben diese verdammte letzte Abbiegung kam.

Analyse

Wir denken die Steuer noch einmal theoretisch durch.
Sie haben einen Anlagebetrag. Erzielt dieser eine Wertsteigerung, jubiliert der Staat und kommt mit aufgehaltener Hand um die Ecke. Hier, bitte, 1,1% von ihrem Jahresanfangswert hätte ich gerne versteuert, gemindert um 30% Teilfreistellung wegen Kosten und so. Da wir so nett sind und damit unsere Steuer so einfach wie möglich wird, dürfen sie später noch einmal 30% abziehen.

Danke, sagen sie, bezahlen artig den Betrag und ziehen weiter ihres Investorenweges. Sie haben nur (zukünftig ehemals) thesaurierende Fonds und die Berechnung ist kein Problem.

Der Teufel lauert nur den Ausschüttern auf, weil… naja, ist halt so. Neue Story:
Sie haben einen Anlagebetrag. Erzielt dieser eine Wertsteigerung, jubiliert der Staat und kommt mit aufgehaltener Hand um die Ecke. Hier, bitte, 1,1% von ihrem Jahresanfangswert hätte ich gerne….

Bevor er weitersprechen kann, schreiten sie ein und rufen empört: Ja, aber meine psychologisch wichtige Ausschüttung, die HABE ich doch schon versteuert. Die komplette Ausschüttung, reduziert um die 30%ige Teilfreistellung, multipliziert mit dem Abgeltungssteuersatz von 26,375%!

Schön, sagt der Staat. Die Ausschüttung war aber niedriger als mein Basisertrag, den ich gerne von ihnen versteuert haben würde. Wir müssen also vom Basisertrag deine Ausschüttung abziehen, das nennen wir der Einfachheit halber Vorabpauschale, auf die bekommst du natürlich auch deine 30%ige Teilfreistellung, und dann schauen wir mal, was du mir noch zahlen musst. Alles easy, Kollege.
Das war die richtige Erzählung zur Steuerreform. Und genau im letzten Absatz haben Wesir und Buddha einen Schluckauf in die Formel gebaut, die im letzten Schritt lauten sollte (Mit den Zahlen 0,7 in der Rolle der Teilfreistellung und der 0,26375 in der Rolle des Abgeltungssteuersatzes):
(Mindestertrag-Ausschüttung)*0,7*0,26375
End of Story. But wait.

Stattdessen lautete das Ende der Geschichte der beiden Blogger so
Schön, sagt der Staat. Die Ausschüttung war aber niedriger als mein Basisertrag, den ich gerne von dir versteuert haben würde. Wir müssen also erst den Basisertrag teilreduzieren, dann davon die Ausschüttung abziehen und das Ergebnis besteuern.
Deswegen lautete die Formel der beiden
((Mindestertrag*0,7)-Ausschüttung)*0,26375
Grafisch sieht die Konstellation der beiden Berechnungsmodelle folgendermaßen aus.
Auswirkungen der verschiedenen Besteuerungsmodelle (10.000 Euro Modell) bei ausschüttenden ETFs.1

Die obere Linie zeigt die Höhe der Abgeltungssteuer auf die Vorabpauschale nach dem tatsächlichen Steuermodell, die untere Linie die Steuerbelastung nach den Modellen Finanzwesir / Zendepot. Auf der x-Achse sehen wir die Höhe der Ausschüttung, die schon versteuert und damit anrechenbar ist. Auf der y-Achse sehen wir die Höhe des Steuerbetrages, der zusätzlich zur Steuer auf die Ausschüttung noch als Abgeltungssteuer auf die Vorabpauschale entrichtet werden muss.

Das ganze liest sich so: „Bei fünf Euro schon versteuerter Ausschüttung (x-Achse) ist die Höhe der zusätzlichen Steuer auf die Vorabpauschale [Wert der y-Achse].“

Die Unterschiede zwischen korrekter und falscher Methode wachsen kontinuierlich an bis zur Höhe von 53,90€, anschließend werden die Unterschiede wieder kleiner, bis sie bei 77€ irrelevant werden, weil beim Basiszins von 1,1% hier die Obergrenze (=Maximalhöhe des Basisertrags) erreicht war.

Mit meinem ersten Artikel beim Finanzwesir und der Steuerexcel bin ich (ohne den Fehler in der Berechnungsmethodik zu bemerken) genau in diese Lücke, und zwar dank Excelrechenpower in den Maximal-gap, hineingestoßen und habe darin herumgewühlt. (Im Nachhinein) Kein Zufall, dass

Fall 2: Endwert 10054 Euro

Fall 4: Unterschiede zwischen 10053 und 10054 Euro

Fall 5: Endwert 10054 Euro,

also jeweils der Punkt der Maximaldifferenz zwischen richtiger und falscher Berechnungsmöglichkeit war.

In allen Fällen habe ich mit Hilfe der Excel-Berechnungen zeigen können, dass hier nach den Modellen von Finanzwesir / Zendepot ein enormer Unterschied in der Besteuerung von thesaurierenden und ausschüttenden Fonds vorlag. Da die Berechnungen der Excel auf dem Steuermodell Finanzwesir/ Zendepot beruhten, hat sie also (nach deren Modell) richtig gerechnet, nach der tatsächlichen Steuer aber ein falsches Ergebnis geliefert. Scheint gar nicht so einfach zu sein, diese neue Steuer und die Berechnung.

Erkenntnis: Die bisher vorgestellte Berechnung ist falsch.

Auch die bisher getätigten Beispielrechnungen in den Blogs sind daher vom Ergebnis falsch (und zwar immer dann, wenn es sich in den Berechnungen um ausschüttende ETFs gehandelt hat).

Wegen der Deckelung des Basisertrags haben die Rechenfehler der Blogs keine Auswirkungen, wenn die Ausschüttung größer als 77€ war, deshalb ist etwa das zweite Beispiel zwar falsch berechnet, liefert aber dennoch ein korrektes Ergebnis. Beginnen wir mit einer Genauigkeitsübung.

Beispiel 1: : https://www.finanzwesir.com/blog/besteuerung-fonds-etf-2018; Der Thesaurierer schwächelt

Bei den thesaurierenden ETFs muss man als Pedant zuallererst argumentieren, dass es den Basisertrag in Höhe von 53,90€ (bei 10.000€ Jahresanfangswert / 1,1% Basiszins) gar nicht gibt, weil der ist in dieser Konstellation immer 77€, und die Berechnungen deshalb unrichtig sind.

Beispiel: Fonds, thesaurierend, 40€ Wertentwicklung

2

Schauen wir ins Gesetz, §18 InvStRefG dann können wir dort lesen,

„Die Vorabpauschale ist der Betrag, um den die Ausschüttungen eines Investmentfonds den Basisertrag für dieses Kalenderjahr unterschreiten. Der Basisertrag wird ermittelt durch die Multiplikation des Rücknahmepreises des Investmentanteils zu Beginn des Kalenderjahres mit 70% des Basiszinses …“

In der ersten Zeile wird also nicht die Vorabpauschale, sondern der Basisertrag ermittelt. Dieser beträgt 77€. Von dem Basisertrag könnten wir jetzt Ausschüttungen abziehen. Die gibt es in dem Fall aber nicht. Deshalb

Basisertrag-Ausschüttungen=Vorabpauschale

77€-0€=77€

Jetzt ist es die Vorabpauschale. Und in diesem Fall greift die Kappung, weil der Wertzuwachs kleiner des Basisertrags ist. Basisertrag und Vorabpauschale betragen aber trotzdem 77€ und nicht 53,90€, weil die 77€ gleichzeitig teilfreigestellt und besteuert werden.

Ungenauigkeitsprobleme haben auch andere angesehene Institutionen: https://www.test.de/Fondsbesteuerung-ab-2018-Das-muessen-Sie-ueber-die-Fondssteuer-wissen-5124267-0/ bezeichnet in ihrem Beispiel ebenfalls nicht ganz korrekt.

3

Auch hier: Was hier dick als Vorabpauschale markiert und berechnet ist, ist der Basisertrag. Da es keine Ausschüttungen gibt, gilt: Basisertrag=Vorabpauschale. Auch www.test.de zieht die 30%ige Teilfreistellung theoretisch zu früh ab, weil sie erst während des Besteuerungsprozesses relevant wird. Der zu versteuernde Betrag ist 154€.

Beispiel 2: https://www.finanzwesir.com/blog/besteuerung-fonds-etf-2018; MSCI World 2018

Fonds, Wertentwicklung 600€, Ausschüttung 170€

4

Die Teilfreistellung wird erst dann relevant, wenn ich vom Basisertrag (77€) die Höhe der Ausschüttung (170€) abgezogen habe, nicht vorher. Da aber dann der Wert der Vorabpauschale negativ ist, fällt sowieso keine Steuer an (und der Rechenfehler fällt nicht weiter auf, das Ergebnis ist also obwohl falsch berechnet, richtig). Analog falsch rechnend zum richtigen Ergebnis gekommen ist Holger vom Zendepot in seinem Szenario 1.

Falschbeispiel 3: https://www.finanzwesir.com/blog/besteuerung-fonds-etf-2018; Fonds mit Wachstumswerten

Fonds, Wertentwicklung 600€, Ausschüttung 40€

5

Die Ausschüttung wird von der Höhe des Basisertrags (77€) abgezogen, nicht von 53,90€.

Die richtige Rechnung lautet also

77€-40€=33,90€

33,90€*0,7*26,375%= 6,83€

Nachdem von den 40€ schon die Abgeltungssteuer (minus Teilfreistellung, natürlich! :-)) abgegangen ist schaut die Gesamtsteuerrechnung so aus

Abgeltungssteuer auf Ausschüttung 7,39€ + Abgeltungssteuer auf Vorabpauschale 6,83€ = Gesamtsteuer 14,22€.

Falschbeispiel 4: https://zendepot.de/etf-fonds-steuern/ Szenario 2:

Ausgangslage: Fonds, 700 Euro Wertentwicklung + 50€ Ausschüttung

6

Auch hier: der Basisertrag beträgt 77€, die Vorabpauschale 77€-50€ = 27€, die richtige Rechnung ist demnach:

27€*0,7*26,375% = 4,98€

Abgeltungssteuer auf Ausschüttung 9,23€ + Abgeltungssteuer auf Vorabpauschale 4,98€ = Gesamtsteuer 14,22€

Falschbeispiel 5: https://zendepot.de/etf-fonds-steuern/ Szenario 4:

Ausgangslage: Fonds, 50€ Wertentwicklung plus 10€ Ausschüttung

7

Wichtig: Der Basisertrag ist nicht 50€, sondern (Wertentwicklung + Ausschüttung: 50€ + 10€) 60€. Dazu wird auch hier wieder die Teilfreistellung vorgenommen, bevor der Ausschüttungsbetrag vom Basisertrag abgezogen wurde.

Richtige Rechnung:

60€ (Basisertrag)-10€ (Ausschüttung)=50€ (Vorabpauschale)

50€*0,7*26,375%= 9,23€

Gesamtsteuer: 1,84€ Abgeltungssteuer auf Ausschüttung + 9,23€ Abgeltungssteuer auf Vorabpauschale = 11,08€ Gesamtsteuer.

Nicht falsch verstehen, ich liebe die beiden Blogs, und dass hier Berechnungsfehler vorliegen zeigt nur, dass das Ziel „Vereinfachung“ bei der Reform gründlich verfehlt wurde, wenn eine Reihe von gebildeten und interessierten Menschen unabhängig voneinander es nicht schafft, die Besteuerungsmethodik zu verstehen. Ich bin jedenfalls sehr vorsichtig geworden, was Aussagen zu (Steuer)Gesetzen angeht, und die Interpretation dieser Gesetze überlasse ich den Experten (und das sind ausschließlich die Jungs vom Finanzministerium, die haben sich qua Position ja Unfehlbarkeit gesichert).

Weiter gehts in Teil zwei mit dem Überraschungsgast, der mit der Berechnung der neuen Steuer so seine Probleme hat. Ideen? Tobt euch in den Kommentaren aus!

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